Wenn er rauskommt, muss er ihn haben Vol. 19

Spiel, Spaß und Spannung. Und Spaß.

Ihr kennt das: Es ist Donnerstag-Abend und statt Zeit mit eurer Freundin zu verbringen, sitzt ihr mal wieder vor der Konsole. Voller Vorfreude schiebt ihr die Disc mit diesem neuen Spiel ins Laufwerk. Vor euch liegt eine neue, einzigartige Welt, die mit ihrer Geschichte und ihren Möglichkeiten darauf wartet, euch in ihren Bann zu ziehen. Dabei ist diese Spielwelt ganz anders als jene, die ihr vor ein paar Tagen erfolgreich durchquert habt. Eure letzte Reise endete damit, dass ihr eurem Widersacher aus der griechischen Mythologie in einem epischen, finalen Kampf den Kopf von den Schultern gerissen habt, die heutige Reise beginnt mit einem mysteriösen Mordfall, den ihr bei Dauerregen im Scheinwerferlicht der parkenden Autos untersucht.

Dieses Szenario ist aus zwei Gründen unwahrscheinlich. Der erste Grund ist, dass es Donnerstag ist. An einem Donnerstag werdet ihr mit Sicherheit NICHT die Entscheidungsgewalt über den Fernseher besitzen, denn es läuft ja Germany’s Next Topmodel. Und solltet ihr von diesem Naturgesetz nicht betroffen sein, und der Fernseher tatsächlich für die Playstation zur freien Verfügung stehen, trifft wahrscheinlich der zweite Grund zu: Ihr spielt FIFA.

Dabei dreht sich die FIFA-Disc nicht erst seit ein paar Tagen in der Konsole, oder seit ein paar Wochen. Nein, seit ganzen sieben Monaten steckt das Spiel schon in der Playstation, nämlich seit seinem Release. Davor waren es die zahlreichen Vorgängertitel, die bei vielen Mitgliedern der Community die Konsolen beherrschten. FIFA gehört damit zunächst einmal in eine Reihe von Spielen, die sich vor allem durch eine hohe Langzeitmotivation und damit verbunden durch eine hohe Bindung der Spieler an ein bestimmtes Spiel auszeichnen. Damit steht FIFA in einer Reihe mit Titeln wie Call of Duty, BattlefieldCounter-Strike, Starcraft, World of Warcraft oder Farmville.

Die genannten Spiele stehen stellvertretend für erfolgreiche Multiplayerspiele. Der Erfolg, also die hohe Bindung der Spieler – oder mit anderen Worten: die stets vollen Server – wird durch den ständigen Wettbewerb der Spieler untereinander erreicht. Ein Shooter wie Call of Duty bietet zwar auch in der Singleplayer-Kampagne eine fesselnde Spielwelt, spätestens nach dem dritten durchspielen und dem Sammeln aller Trophäen bzw. Achievements würde das Spiel aber ins Regal beziehungsweise Richtung eBay wandern – wäre da nicht der Multiplayer-Modus, genauer: der Online-Multiplayer. Als FIFA-Spieler muss man sich nur einmal an die älteren Titel der Serie zurück erinnern, die noch ohne Online-Multiplayer daherkamen. Irgendwann war immer der Punkt erreicht, an dem die KI selbst auf der schwierigsten Stufe dem eigenen Spiel nicht mehr gewachsen war und man sich von Sieg zu Sieg und damit von Meisterschaft zu Meisterschaft spielte.

Der Online-Multiplayer fügt den großen Spielen, die selbst schon eine riesige Spielwiese sind, eine neue Dimension dieser Spielwiese hinzu. FIFA wandert nicht in unser Regal, weil der Wettbewerb mit anderen Spielern eine eigene Spielwelt darstellt, die im Prinzip nie an ihr Ende gelangt. Genauso, wie auch in der Fußball Bundesliga jede Saison aufs neue die Meisterschaft ausgespielt wird, suchen auch die Online-Spieler immer wieder aufs neue ihren „Meister“. Multiplayerspiele unterscheiden sich damit deutlich von ihren Singleplayer-Pendants. Ist im Singleplayer das „durchspielen“ des Spiels das Ziel, also das Erleben des Abspanns und vor allem die Reise dahin, steht im Multiplayer immer wieder aufs neue das „Gewinnen“ im Vordergrund. Und um zu gewinnen muss man besser sein als der Gegner. Und um besser zu sein hilft nur Übung, denn: Es ist noch kein Pro-Gamer vom Himmel gefallen.

Da man aber nicht der einzige ist, der durch Übung besser wird, muss man stets am Ball bleiben. Die Konkurrenz schläft nicht. „Ich kann nicht, ich hab Clan-Training“ ist ein Satz, an den sich Real-Life-Fetischisten wohl noch lange nicht gewöhnen werden, er beschreibt aber die Realität des ambitionierten Online-Spielers schon recht gut. Ähnlich verhält es sich in den FIFA-Ligen, in denen vor Saisonstart erst einmal zahlreiche Freundschaftsspiele absolviert werden, um das eigene Spielsystem zu perfektionieren. Durch ihren hohen Anspruch zwingen Multiplayerspiele die Spieler dazu, regelmäßig in die Spielwelten zurückzukehren, um in ihnen erfolgreich zu sein. Zusätzlich zum regelmäßigen Training kommen mitunter noch feste Spieltermine, die eingehalten werden möchten. Aus der nebensächlichen Spielwelt entstehen somit im Handumdrehen sehr reale Verpflichtungen.

Eine Frage, die sich hieraus ergibt, ist inwieweit ein Online-Spieler überhaupt noch ein „Gamer“ ist. Der Begriff des „eSport“ ist nun schon ein paar Jahre alt und mit ihm verbunden ist der Gedanke, das mithilfe von Videospielen reale Wettbewerbe ausgetragen werden, mitunter mit Preisgeldern von mehreren hunderttausend Dollar. Nun werden die wenigsten von uns, die leidenschaftlich gerne FIFA spielen schon einmal um große Geldbeträge gespielt haben. Auch sind die meisten von uns nicht in den einschlägigen Clans vertreten, die mit dem Slogan „When we play, we play to win“ umschrieben werden könnten. Dennoch verschwimmt mit dem dauerhaften Eintritt in den Multiplayermodus eines Spiels die Grenze zwischen Gamer und eSportler. Sobald der Wettbewerbsgedanke das Spielerlebnis ersetzt verändert sich die Art, wie wir ein Spiel spielen – und damit verändern wir uns als Spieler.

Ein Einblick in die Welt echter Gaming-Nerds, zum Beispiel über den Plauschangriff Podcast der MTV-GameOne-Crew, lässt mich daran zweifeln, wie sehr ich als FIFA-Spieler überhaupt Gamer bin. Sicherlich ist ein Grund dafür, dass sich in meiner Wohnung noch nicht die verschiedensten Spiele für zahlreiche Konsolen bis unter die Decke stapeln, dass mir schlicht das Geld dazu fehlt, mir immer den neuen heißen Scheiß zu kaufen. Fakt ist aber auch, dass das FIFA-Zocken wenig Zeit lässt für ausgiebige Spaziergänge in fremden Spielewelten. Ist man als FIFA-Spieler also eSportler nur ohne monetären Erfolg, quasi ein gescheiterter Pro-Gamer?

Das dann doch bestimmt nicht. Denn die Tatsache, dass sich ein und dasselbe Spiel immer und immer wieder den Weg in unsere Konsolen bahnt, lässt sich vor allem damit begründen, dass es verdammt noch mal Spaß macht! Ja, immer und immer wieder! Ich muss nur Aufpassen, dass der Wettbewerb mir nicht den Spielspaß wegdiktiert – und damit meine ich auch den Spielspaß anderer Spiele, deren Spielewelten ich als Gamer doch schon gerne mal durchstreifen würde.

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